Mirela Ivičević
Mirela Ivičević - Foto © Rui Camilo
Mirela Ivičević wurde 1980 in Split geboren. Nach Unterricht in den Instrumenten Klavier und Flöte studierte sie Komposition und Musiktheorie an der Musikakademie Zagreb bei Željko Brkanović, danach Medienkomposition und angewandte Musik bei Klaus-Peter Sattler an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien sowie Komposition bei Beat Furrer an der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz. Zudem besuchte sie Kompositionskurse bei Georges Aperghis, Georg Friedrich Haas, Clemens Gadenstätter, Richard Ayres, Julia Wolfe und Louis Andriessen.
Mirela Ivičević gehört heute zur quirligen, findigen Neue-Musik-Szene Wiens, die international ausstrahlt. Sie ist Mitbegründerin des seit 2014 bestehenden experimentellen Wiener Black Page Orchestra. Im Mittelpunkt der Arbeit von Mirela Ivičević steht das subversive Potenzial des Klangs. In ihrem Schaffen konzentriert sie sich auf die Konzeption intermedialer Werke, die sich mit der Rolle von Klängen im soziopolitischen Kontext beschäftigen. Ihre Musik, die nicht selten von Techniken aus dem Sampling beeinflusst ist, hat die Komponistin beschrieben als „Sonic Fiction, die aus Realitätssplittern besteht, entführt aus ihrem natürlichen Umfeld in eine surreale Welt, mit dem Ziel, aus ihnen alternative Klangkonstellationen und Erlebnisse zu schaffen, die helfen können, ihren Wirklichkeitsursprung besser zu verstehen oder zu transformieren.“
Die Musik von Mirela Ivičević ist radikal, zugespitzt, experimentell, übermütig, vielgestaltig, kontrastreich, gerne auch mal schräg, berstend intensiv, lustvoll schmutzig, aber auch sowohl offen als auch untergründig humorvoll, mit Zügen der Groteske und des Skurrilen, dabei stets blühend fantasievoll und mit einer deutlich spürbaren Perspektive der Großherzigkeit. Mirela Ivičević zeigt in ihren Werken eine eindeutige emanzipatorische Haltung. Sie entlarvt mit den Mitteln ihrer Kunst zielgenau historische und soziale Verwerfungen. So behandelt sie in manchen ihrer Werke beispielsweise die Unterdrückung und Misshandlung von Frauen und Queers sowie Symptome des Rassismus und Rechtsextremismus in ihren verschiedenen internationalen Erscheinungsformen. „Für mich heißt Musik nicht Flucht vor, sondern Interaktion mit der Welt. Wenn nötig, auch Kampf. Auch wenn ich mittels Klang eine ‚neue‘ Welt kreiere, ist sie dazu da, dass man sich in der einen oder anderen Weise mit der realen Welt auseinandersetzen kann“, hat die Komponistin einmal erklärt.
Die Werke von Mirela Ivičević werden international aufgeführt. Zu den Ensembles und Orchestern, die ihre Musik interpretieren, gehören u. a. Ensemble LUX:NM, Trio Accanto, Ensemble Modern, Trio Catch, Klangforum Wien, Ensemble asamisimasa, Ensemble PHACE, Trio Korngold, Black Page Orchestra, Ensemble Zeitfluss, The Riot Ensemble, Orkest De Ereprijs, Zagreber Philharmonie sowie Brussels Philharmonic. Von 2009 bis 2017 arbeitete Mirela Ivičević als Co-Kuratorin und Produzentin des Festivals Dani Nove Glazbe Split. Seit 2025 ist sie in Nachfolge von Clara Iannotta Künstlerische Leiterin der Bludenzer Tage zeitgemäßer Musik.
Mirela Ivičević erhielt u. a. das Staatsstipendium des Österreichischen Bundeskanzleramtes, den Josip-Štolcer-Slavenski-Preis für das Musiktheaterstück PLANET 8 sowie den Erste Bank Kompositionspreis 2019 für ihr Werk Sweet Dreams für großes Ensemble. 2019 war Mirela Ivičević außerdem Stipendiatin des Berliner Künstlerprogramms des DAAD.
2021 folgte der Komponist:nnen-Förderpreis der Ernst von Siemens Musikstiftung. Shilla Strelka betonte im Essay zum Siemens-Förderpreis: „Die Komponistin Mirela Ivičević verwandelt sinnliche und emotionale, ebenso wie politische und soziale Eindrücke in eindringliche und suggestive Werke. Sie schreckt nicht davor zurück, persönliche Erfahrungen zu verarbeiten, im Gegenteil – ihr Oeuvre ist eng mit ihrer Biografie verwoben. Sie schreibt sich selbst in ihre Stücke fort und fordert ihren Platz ein. Ivičević geht es dabei nicht um eine simple Übersetzung ihrer Erfahrungswelt. Viel emotionaler, sinnlicher, unmittelbarer ist ihr Zugang. Sie verlängert ihre Erfahrungen hin zu einem Hören, das zu einem Entdeckenden, Erfinderischen wird.“
2025 wurde Mirela Ivičević der Belmont-Preis der Forberg-Schneider-Stiftung verliehen. „Ivičević schreibt Musik voller Wucht und Witz“, heißt es in der Begründung, „Mit impulsiver und doch spielerischer Geste arrangiert Mirela Ivičević elaborierte instrumentale und elektronische Klänge, in deren Farbspektrum sich exakt ausgehörte Alltagslaute mischen. (…) Die rauen Kontraste ihrer Klangsprache verweisen auf ein durchaus konfrontatives Miteinander weit auseinanderliegender Zeit- und Bedeutungsschichten. Ivičevićs Sensorium für die kreative Schubkraft solcher Spannungen zeigt an, welch engagierte, entschieden politisch denkende Künstlerin hier am Werke ist.“
Konzerte-
Ilya Gringolts // DSO // Giedrė Šlekytė
So. 18.01.2026 20:00 Uhr
Haus des Rundfunks: Großer Sendesaal des rbb