Mirela Ivičević: Überlala. Song of Million Paths

(2023/24) 20‘ – für Violine und Orchester

Uraufführung: 23. März 2024, Brüssel, Flagey
Ilya Gringolts (Violine), Brussels Philharmonic, Ilan Volkov (Dirigent)

„Mami, wenn ich groß bin, möchte ich überall hingehen“, erklärte meine dreijährige Tochter Livia Lilith. Sie sagte „Überlala“ in ihrer eigenen magischen Sprache. Ich dachte bei mir: Das ist ein klarer Fall für Professor Balthazar. Balthazar ist der Held einer kroatischen Trickfilmserie aus den 1980er Jahren. Meine Begeisterung für diese Serie gebe ich heute an Livia weiter. Balthazar ist ein altes, gütiges Erfindergenie, der zur Lösung von Problemen nicht auf physische Kraft oder Waffen setzt, sondern ausnahmslos auf die Kraft seines Geistes. Nach einer Runde des Nachdenkens aktiviert er jedes Mal seine magische Maschine, um eine Erfindung hervorzubringen, die alles möglich macht. Abgesehen von der entzückenden Handlung und den Trickfilmbildern, hatte die Serie auch eine extrem gut instrumentierte, farbenreiche, vielgestaltige Filmmusik aus der Feder des Komponisten Tomislav Simović. Diese Musik war einer meiner ersten und stärksten klanglichen Einflüsse.

Vor einigen Jahren, hat der Dirigent Ilan Voklov, dessen leidenschaftliches Aufspüren von musikalischen Schätzen aus aller Welt unter seinen Followern auf Social Media bekannt ist, ein Beispiel aus einem anderen Zeichentrickfilm mit Musik desselben Komponisten geteilt: den mit einem Oscar ausgezeichneten Kurzfilm Surogat. Das zauberte mir ein Lächeln ins Gesicht, die Art eines Lächelns, wenn wir merken, dass jemand auf der anderen Seite der Erde genau die gleiche bewegende Erfahrung macht wie wir selbst. Die Macht der Musik, der Klassik. Ich glaubte schon damals nicht, dass dies Zufall war. Und das war es auch nicht.

Überlala. Song of Million Paths ist eine Auftragskomposition, die Ilan Voklov und Ilya Gringolts bzw. ihre I&I Foundation und Brussel Philharmonic an mich vergeben haben. Der Vertrag für meine Komposition enthielt einen, wie ich fand, merkwürdigen Wunsch: Ich solle das Stück, neben anderen, einer gewissen Eloïse und Chiara widmen. Ich wusste nicht, wer sie sind, sonst widme ich meine Stücke nur Menschen, die ich sehr gut kenne, oder im Gedenken an sie, wenn sie nicht mehr unter uns sind. Ich war deshalb schon entschlossen, den Kompositionsauftrag abzulehnen, als mir plötzlich meine Intuition sagte, dies müssen Kinder sein. Und wir sind nicht in der Lage, Kinder wirklich zu kennen. Sie kennen sich selbst nicht, sie haben ja gerade erst ihre Reise, um sich selbst kennenzulernen, begonnen. Was wir machen können und sollten, ist, ihnen alle erdenklichen Pfade, die sie auf ihrer Reise einschlagen möchten, zu öffnen. In meinem Fall war dies, dass mir eine einzigartige und tief prägende klangliche Erfahrung wie die Filmmusik zu der Serie mit Prof. Balthazar ermöglicht worden war. Bald nach dem Lesen des Vertrags für den Kompositionsauftrag traf ich tatsächlich Eloïse and Chiara, sie sind wirklich zwei zauberhafte Menschen, genau wie ich es mir dachte. Aber selbst wenn wir uns nicht kennengelernt hätten, hätte dies keinen Unterschied gemacht. Jedes Kind ist es absolut wert, dass ihm ein Violinkonzert gewidmet wird. Das war auch der Augenblick, als ich erkannte, dass alles bereitstand: Das gütige Genie, ein Geiger, und seine magische Maschine, das Symphonieorchester, die bereit waren, mir überall hin zu folgen.

Den ersten Takt meines Stücks instrumentierte ich am 8. Oktober 2023. An diesem Tag schaute ich die Nachrichten. Die Tage danach konnte ich weder schlafen noch mich konzentrieren, die Bilder der Gräueltaten verfolgten mich. Ich war selbst ein Kriegskind, allerdings hatte ich mehr Glück als viele, sonst würde ich diese Zeilen nicht schreiben. Insofern sind mir solche Bilder, die Terminologie, die Szenen nur zu bekannt. Aber man kann sich nicht daran gewöhnen, das Gegenteil ist der Fall. Verstärkt durch die eigenen persönlichen Erfahrungen und Déja-vus wirkt die Intensität der Empathie fast lähmend, genau wie die verzweifelte Hoffnung, dies sei nur ein schlechter Traum, der bald zu Ende sei, während man weiß, es ist real und dass es gerade erst anfängt.

Der Tag, an dem ich mein Orchesterwerk beendete, gab es mindestens 11.000 Kinder weniger auf der Welt, weil Erwachsene meinten, deren Leben sei es nicht wert, es zu erhalten. Ich hätte nie gedacht, dass ich ein Stück komponiere, das Kindern gewidmet ist, während ich gleichzeitig nahezu täglich auf meinem Mobiltelefon Videos mit getöteten Kindern sehe. Ich kann nicht aufhören, mir verzweifelt vorzustellen, wie viel besser diese Welt wäre, wenn alle diese Kinder eine Symphonie erhalten hätten statt eines Todesurteils. Und wie extrem unintelligent und letztlich selbstverletzend es ist, abgesehen davon, dass es die grässlichste aller Taten ist, einem Kind Schaden anzutun. Selbst, wenn es das Kind des Feindes ist. Denn so, wie wir die Kinder unserer Feinde behandeln, hat es eine direkte Auswirkung auf die Welt, die wir unseren eigenen Kindern hinterlassen. Schließlich kann niemand wirklich glücklich und sicher in einer Welt voller Leid sein.

Da ich keine Chirurgin, keine Politikerin, keine Soldatin bin, kann ich nicht viel machen, um diese Schrecken zu beenden oder die Schmerzen zu lindern. Aber ich kann mir etwas vorstellen. Und ich kann Sie einladen, dies mit mir gemeinsam zu tun. Ich habe oft gesagt, dass meine Musik einen Raum der Freiheit darstellt und dass alle Stücke, die ich komponiert habe, einschließlich Überlala, eine Art „klingende Jugoslawiens“ sind, die ihre Ursprünge im Land meiner Kindheitserinnerungen haben, die älter als all das Blutvergießen und „Ein-Staat-Lösungen“ sind: wo wir frei überall hingehen können, mit wem wir wollen, wo wir eigenartige instrumentale Kombinationen hören werden, akustische Unwuchten, plötzliche Wechsel, heftige Kontraste und chaotische Klangwolken, aber auch eine starke Solidarität unter allen, die mitwirken, was letzten Endes ein funktionierendes Ganzes ergibt. Und ich werde weiterhin solche Stücke schaffen. Nennen Sie sie utopisch, ich nenne sie dringend notwendige Visionen der besseren Welt, an deren Verwirklichung wir wiederkehrend scheitern.

Mirela Ivičević
(Übersetzung: Ecki Ramón Weber)