(1976) 15‘ – für Orchester
Uraufführung
„Sein erstes vollgültiges Orchesterwerk“
Mathias Lehmann vom Topus-Verlag im Interview
Mathias Lehmann, eine Partitur-Kopie von Hermann Kellers Verwandlungen für Orchester ist vor einigen Jahren im Archiv der Komischen Oper Berlin in der Behrenstraße aufgetaucht. Kann man annähernd rekonstruieren, wie diese Noten in die Komische Oper kamen?
Was ich weiß, ist, dass Hermann Keller bereits in den 1970er Jahren über Kontakte die Möglichkeit hatte, von seinen Partitur-Autographen Reprographien erstellen zu lassen. Dieses Orchesterstück hatte er ohne Auftrag geschrieben und wir vermuten, er hat davon eine Handvoll Repros erstellen lassen und diese an einige Orchester geschickt in der Hoffnung, sie würden das Stück zur Uraufführung bringen. Und wir vermuten, dass bereits im Umfeld des Erstellens dieser Kopien das Autograph selbst verlorengegangen sein muss. Dazu konnten wir aber keinerlei Aufzeichnungen finden. Gesichert ist da also leider nichts.
Wann gab es diesen Fund an der Komischen Oper Berlin?
Als die Komische Oper Berlin aufgrund der Sanierung und des Umzugs ins Schillertheater ihr Archiv ausräumen musste, tauchten im Jahr 2023 dort einige Repros von Stücken Hermann Kellers auf – und darunter auch die Partitur der Verwandlungen.
Wie ist es danach weitergegangen? Ist die Komische Oper an Ihren Verlag, der ja Hermann Keller im Programm hat, herangetreten?
Die Bibliothekarin der Komischen Oper schrieb mir eine Mail, dass Kopien aufgetaucht seien und ob sie mir diese schicken soll oder ob sie die entsorgen könne. Ich antwortete, sie könne sie mir gern schicken und ich würde schauen, ob da noch etwas „Brauchbares“ dabei sei. Ich hoffte auf Orchesterstimmen, weil von einigen frühen Stücken Hermann Kellers das Stimmenmaterial nicht mehr existiert. Dass ich unter den Kopien auf ein mir bis dahin völlig unbekanntes Stück stoßen würde, damit habe ich natürlich nicht gerechnet.
Wie weit war das Werk ausgearbeitet?
Die Partitur war fertig ausgearbeitet, es war allerdings noch keine abschließende Partitur-Reinschrift, aus der man das Stück auch hätte dirigieren können.
Der Komponist Hovik Sardaryan hat jetzt eine Bearbeitung erstellt, das Werk also vollendet. Was waren seine Leitlinien? Und mit welchen Herausforderungen war er konfrontiert?
Die Haupt-Herausforderungen waren, dass die alte Kopie der Partitur an vielen Stellen kaum oder gar nicht lesbar war und er als Komponist entscheiden musste, was an den jeweiligen Stellen gemeint sein könnte. Außerdem gab es viele kleine Fehler und Ungenauigkeiten in der Partitur, die Hermann Keller bei einer finalen Reinschrift sicherlich behoben hätte, wo Hovik Sardaryan jetzt aber diese Entscheidungen und Korrekturen an seiner statt machen musste.
Wie würden Sie dieses Orchesterwerk von Hermann Keller charakterisieren? Welche Besonderheiten hat es?
Es ist, so wie es sich mir in der Partitur darstellt, ein sehr bewegtes, engagiertes Werk, das immer wieder auf unterschiedliche Weise das Wechselspiel von solistischen Passagen und Orchestertutti, von klaren Metren und freien, improvisatorischen Stellen auslotet.
Wie würden Sie Verwandlungen im Gesamtwerk von Hermann Keller einordnen?
Das Werk, das Hermann Keller mit Anfang 30 komponiert hatte, zählt neben Werken wie seiner Sonate für Klavier, dem Quartett Wahlverwandtschaften oder seiner Suite für 2 Pianisten zu seinen frühen Werken, die ihn bereits als „fertigen“ Komponisten zeigen, der mit einer sehr eigenen musikalischen Sprache die Musik seiner Zeit weiterdenkt. Es ist also sein erstes vollgültiges Orchesterwerk und weist in vielen Aspekten bereits große Nähe zu seinem wenige Jahre später entstandenen Konzert für Klavier und Orchester hin, das noch heute vielen als sein vielleicht wichtigstes Orchesterwerk gilt.
Wie kam es zum Plan, das Werk posthum im Rahmen von Ultraschall Berlin uraufzuführen?
Als ich mich bei einem Musikfestival zwischen zwei Konzerten mit Andreas Göbel unterhielt, der ja von Seiten des rbb Ultraschall Berlin leitet, berichtete ich ihm von unserer Entdeckung und wir kamen relativ schnell überein, dass das Festival Ultraschall Berlin der perfekte Ort sei, dieses Werk zur Uraufführung zu bringen. Dass es sich zeitlich so gut ergab, dass nun die Uraufführung genau 50 Jahre nach der Komposition erfolgt, macht die Aufführung bei Ultraschall Berlin 2026 natürlich besonders attraktiv.
Auf was sollte das Orchester bei Verwandlungen bei der Interpretation achten?
Auf den Dirigenten! Das ist in diesem Fall aber kein Allgemeinplatz! Denn das Stück enthält nicht nur viele rhythmisch komplexe Passagen, sondern es gibt auch viele Stellen mit freien Takten und Metren und einer „gelenkten Aleatorik“, wo dem Dirigenten eben eine ganz besonders wichtige gestalterische Aufgabe zukommt. Und ansonsten scheint es mir ein Stück zu sein, dass den Musiker:innen viel Spaß bereiten kann und viele Möglichkeiten bietet, sich als Musiker:in aktiv gestalterisch in die Interpretation dieses Stückes einzubringen – insofern sollte das Orchester auch darauf achten, bei der Aufführung der Verwandlungen viel Freude am Musizieren zu haben!
Was wünschen sie sich für die Uraufführung?
Dass sich die ganzen oben genannten Erwartungen erfüllen und dass es eine Aufführung wird, die Orchester wie Publikum gleichermaßen Spaß macht.
(Interview: Ecki Ramón Weber)