für Klavier (2010)
Die Komposition ist das Ergebnis einer dialektischen Erforschung der immensen Distanzen, die das Klanguniversum des Klaviers auszeichnen. Im ersten Teil des Stücks erleben wir diese Lücken sehr stark. Die Empfindungen struktureller Instabilität veranlassen uns, uns Zwischenzustände vorzustellen, vielschichtige Klangprozesse, die diese Inseln miteinander verbinden. Anschließend entwickelt sich die pianistische Sprache – im mittleren Teil des Stücks – in mehrere Richtungen. Das Ziel ist es, eine Vereinheitlichung zu erreichen, die Kluft zwischen Anschlag und Resonanz, zwischen der perkussiven, rhythmischen und quasi-vokalen Sprache der ersten Gruppe und den extrem physiologischen und pianistischen Texturen, die die zweite Gruppe ausmachen, zu ›verwischen‹ – vollständig verbunden mit der Geschichte des Instruments und konzentriert auf die raffinierte Kontrolle der Anschlaggeschwindigkeit, die Anwendung von Gewicht und den dynamischen Einsatz des Pedals. Am Ende dieses dialektischen Entwicklungsprozesses entstehen neue Texturen: besondere energetische Zustände, die die Anschläge zu einem fließenden, elektrischen und vibrierenden hohen pianistischen Klang verwischen, dessen Spektrum sich in seinen vielfältigen Richtungen ständig verändert. Diese Transformationen schaffen eine konkrete Form, die den inneren Kern der Architektur des Stücks bildet.
Meine Erfahrung als Pianist war die wichtigste Inspirationsquelle für den Kompositionsprozess. Die verschiedenen pianistischen Elemente des Stücks sind während langer Arbeitssitzungen am Klavier entstanden, halb improvisierend und ohne Unterbrechung spielend. […] In dieser Klaviersonate externalisiert die Stimme des Pianisten seine Energie und ahmt den Klang nach, den er durch eine komplexe direkte Einwirkung seiner Finger auf die Saiten aus dem Instrument herausholt – wodurch dessen natürliches Spektrum transformiert (verändert) wird. Ein neues Universum quasi-menschlicher Klavierklänge entsteht als ideale Bühne für den dramatischen Gedankenaustausch, den die Sonatenstruktur impliziert.
Hèctor Parra (2010)
This composition is the outcome of a dialectic exploration of the immense distances that characterize the sound-universe opened by the piano. In the first part of the piece, we strongly experience these gaps. These sensations of structural instability push us to imagine intermediate states, multilayered sound processes that interconnect these islands. Subsequently, the pianistic language evolves -in the central part of the piece- following multiple directions. The goal is to achieve unification, to “blur” the gap between attack and resonance, between the percussive, rhythmic and quasi-vocal language of the first group and the extremely physiological and pianistic textures that constitute the second group –completely attached to the history of the instrument and centered on the refined control of the speed of attack, the application of weight and dynamic use of pedal. At the end of this dialectic process of development, new textures are born: special energetic states that blur the attacks into a flowing, electric and vibrating high pitched pianistic sound whose spectrum is constantly transformed in its multiple directions. These transformations create a concrete form that is at the inner core of the piece’s architecture.
My experience as pianist has been the main source of inspiration for the compositional process. The different pianistic materials of the piece have been born during long sessions of work at the piano, half-improvising and playing without stop. In this piano sonata, the voice of the pianist externalizes his energy and mimics the sound he extracts from the instrument by a complex direct action of his fingers on the strings -that transforms (modifies) its natural spectrum. A new universe of quasi-human pianistic sounds takes place as an ideal stage of the dramatic exchange of ideas implied by the sonata structure.
Hèctor Parra (2010)