(2025) 13‘ – for voice and cello
Uraufführung
unterstützt von der De la Motte-Stiftung
„Scheitern hat verschiedene Stadien“
Farzia Fallah im Interview
Farzia Fallah, wie kam es zu Ihrer Komposition of asphyxia?
Das Projekt ist eine Initiative von Eva Resch, sowohl die Idee der besonderen Besetzung mit Singstimme und Violoncello als auch die thematische Klammer. Sie hat mich vor zwei Jahren kontaktiert, seitdem sind wir im Austausch. Ich finde es sehr gut, wenn man über einen längeren Zeitraum über ein Thema nachdenkt. Und in diesem konkreten Fall habe ich ganz viele Beobachtungen diesbezüglich gemacht. Es ging, wie der Titel des Abends sagt, um Scheitern und seine verschiedenen Facetten im Leben, persönlich, aber auch gesellschaftlich und politisch.
Wie reiht sich Ihr Stück in das Gesamtprogramm „SMESCH – Lieder des Scheiterns“ ein?
Von Oktober 2024 bis April 2025 war ich mit einem Stipendium der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien an der Cité Internationale des Arts in Paris. Damals war das Thema von „SMESCH – Lieder des Scheiterns“ für mich schon sehr präsent. Ein Aufenthalt von sechs Monaten ist eine gute Zeit, um in einer anderen Umgebung anzukommen und dort tiefere Eindrücke zu sammeln. Die Cité Internationale des Arts ist ein riesiges Gebäude, sehr beeindruckend, sie liegt im Zentrum von Paris, nicht weit von Notre Dame. Die Einrichtung ist 24 Stunden geöffnet. In Absprache mit der Leitung der Cité und der Stadt haben viele Obdachlose dort am Gebäude die Nacht verbracht. Dort war Licht und Wärme. Einen starken Eindruck hat aber vor allem die Begegnung mit einer älteren Dame in Paris hinterlassen. Sie stand sehr oft nachmittags vor einer Bäckerei in der Nähe der Cité, wo ich regelmäßig einkaufte. Diese Frau war relativ elegant angezogen, mit einer schlichten schwarzen Bluse und einem schwarzen Rock, die ein wenig altmodisch wirkten. Sie fiel mir durch ihre eigentümliche Zurückhaltung auf. Denn sie hat die Menschen unaufdringlich um Hilfe gebeten: „Est-ce que tu peux m’aider s’il te plaît?“ – „Kannst du mir bitte helfen?“. Sehr höflich und unaufdringlich. Ich habe ihr hin und wieder Geld gegeben. Manche Passanten sind auch mit ihr in ein Geschäft gegangen, um ihr etwas zu kaufen. Der Blickkontakt mit ihr war sehr intensiv, schwer auszuhalten, empfand ich. Ich bedauere im Nachhinein, dass ich nie mit ihr in ein Gespräch kam, aber ich fand mein Französisch nicht gut genug dafür. Ich habe mich letztlich auch nicht getraut. Diese wundersame und wunderbare französische Dame verkörperte für mich eine Art menschliches Scheitern in einer Gesellschaft, die uns mit unserem Scheitern auch alleine lässt. Ein ständiges Unsicherheitsgefühl, das Teil unseres Systems geworden ist, ist einer von vielen Aspekten, die uns dauerhaft belastet. Meine Beobachtung ist, dass dies systemisch mit unserer kapitalistisch globalisierten Gesellschaft zusammenhängt: die psychischen Belastungen angesichts vielerlei Drucks werden zunehmend größer und führen bei vielen zu einem Zusammenbruch. Doch das wird viel zu wenig thematisiert. Auch das Gesundheitssystem scheitert oft, den Menschen noch zu einem Zeitpunkt, bevor es zu spät ist, Hilfe anzubieten.
Welche Textvorlage haben Sie für Ihre Komposition herangezogen?
Ich habe mich in den letzten beiden Jahren nochmals intensiv mit Samuel Beckett beschäftigt. Beckett thematisiert in seinen Werken neben anderen Themen oft das Scheitern des Menschen. Meine Entscheidung, wie ich Textmaterial in meinem Stück einsetze, ist stark von Beckett beeinflusst, von seiner konzentrierten, reduzierten, ja nackten Darstellung existenzieller Fragen, wie er sie etwa in seiner Roman-Trilogie Molloy (1951), Malone stirbt (1951) und Der Namenlose (1953) und in seinem Theaterstück Warten auf Godot (1952) behandelt hat. Die Auseinandersetzung mit diesen Werken hat mich dazu ermutigt, eine radikale Entscheidung für den Text in meinem Stück zu treffen und zwar, dass ich nur diesen einen Satz jener Dame aus Paris, „Est-ce que tu peux m’aider s’il te plaît?“, als Textmaterial in meinem Stück einsetze – als Hinweis auf diesen Zustand der Hilflosigkeit.
Ihr Stück trägt den Titel of asphyxia.
Um aus einem Wörterbuch zitieren: „Asphyxie bezeichnet im Medizinbereich der Atemstillstand mit konsekutivem Kreislaufstillstand als Folge des Sauerstoffmangels im Organismus.“ Für mich ist dies ein längerer Zustand des Mangels an Sauerstoff, ein Prozess. Das hat für mich auch mit einem Zustand der Hilflosigkeit zu tun, mit einer existenziellen Not. Ein Scheitern hat verschiedene Stadien bis zum Zusammenbruch. Den Titel habe ich aus der englischen Übersetzung eines Gedichts des aus Belgien stammenden Dichters Henri Michaux entlehnt: Es ist eine Stelle aus Emplie de („Gefüllt mit“)aus dem Gedichtband La Vie dans les plis („Das Leben in den Falten“). Ich habe ihn in einem englischsprachigen Buchladen in Paris gefunden. In den Gedichten von Henri Michaux spürt man immer wieder die Zerbrechlichkeit der Menschen oder die Zerbrechlichkeit der menschlichen Seele.
Wie verhalten sich Singstimme und Cello in Ihrem Stück zueinander?
Im Vergleich zum Klavier als Begleitinstrument für Gesang ist das Cello natürlich viel kantabler. Außerdem bieten sich hier viele Klangfarben an, um die Singstimme und das Cello als Einheit zu denken. Ich habe zum Beispiel als eine Spielanweisung „sehr ähnlich zur menschlichen Stimme” notiert. Das kann man beispielsweise dadurch erreichen, dass man sul tasto (auf dem Griffbrett) spielt. Gerne arbeite ich damit, wie und wann ich den Gesang und die Cellostimme ineinander verschmelzen lasse und einen großen einheitlichen Klangkörper bilde.
Welche spieltechnischen oder performativen Herausforderungen gibt es in Ihrem Stück?
Es gibt subtile szenische Elemente bei der Aufführung: Dies betrifft etwa den räumlichen Abstand zwischen Sängerin und Cellist und die Blickrichtungen der Sängerin.
(Interview: Ecki Ramón Weber)