Dániel Péter Biró: Hagirot

(2025) 28‘ – für Akkordeon und Elektronik

Uraufführung
finanziert vom Norwegischen Komponistenfonds

Die Komposition Hagirot („Einwanderungen“) basiert auf folgendem Text aus Daniel 12,1:
„Zu jener Zeit ersteht Michael, der Fürst, der den Söhnen deines Volkes beisteht. Das wird eine Zeit der Drangsal, wie sie nicht gewesen ist seit ein Stamm ist bis zu jener Zeit, aber zu jener Zeit wird dein Volk entrinnen, alljeder, der sich aufgeschrieben findet im Buch [des Lebens].“
Diesem Text folgend wurde bei der Komposition Gematrie (hebräische Zahlensymbolik) angewendet. Die Zahlenwerte der Wörter dienen der Strukturierung der musikalischen Parameter. Die daraus resultierenden Klangfarben, wie mikrotonale Schwebungen, die durch Nuancen der Akkordeonstimmung entstehen, werden – durch Computerbearbeitung – in räumliche Pulsationen umgewandelt. Sonstige musikalische Parameter – Stimmung, Dynamik und Resonanz – werden Teil eines umfassenderen formalen Transformationsprozesses, der als Analogie zur Textbedeutung von Daniel 12,1 dient. Das hebräische Wort Hagirot beinhaltet auch das Wort „wohnen“. Der Akkordeonklang, eingebettet in einen elektroakustischen Raum, „wohnt“ in wechselnden Resonanzumgebungen und führt so die sich entwickelnden Klangfarben des Instruments in immer neue Daseinszustände.
Hagirot entstand 2024–2026 im SWR Experimentalstudio. Mein Dank gilt Margit Kern, Thomas Hummel und Esther Kontarsky für ihre Hilfe und Zusammenarbeit bei der Entstehung dieses Werkes.

Daniel Péter Biró

Das Akkordeon in ein „Superinstrument“ verwandeln
Dániel Péter Biró im Interview

Dániel Péter Biró, der hebräische Titel ihres neuen Werks Hagirot könnte mit „Immigrationen“ oder „Einwanderungen” übersetzt werden.

Der Titel Hagirot verweist darauf, wie Aspekte des Akkordeonklangs in verschiedene musikalische Parameter transformiert werden. Ein zentraler Parameter des Stücks ist die mikrotonale Schwebung. Diese Schwebung entsteht durch mikrotonale Nuancen des Akkordeons und wird anschließend computergestützt in räumliche Pulsationen umgewandelt. So werden die musikalischen Parameter – Stimmung, Dynamik und Resonanz – Teil eines umfassenderen Prozesses parametrischer Immigration. Daher der Titel Hagirot. Die Grundlage des hebräischen Wortes Hagirot ist das Wort lagur („wohnen”). Das Akkordeon, das sich in einem Zustand des „Exils” befindet, ist durch die Transformation der musikalischen Parameter in der Lage, in verschiedenen Resonanzzuständen zu „wohnen”, während es sich immer wieder in einen anderen Zustand bewegt.

Welche Bedeutung hat das Akkordeon allgemein für Sie als Komponist?

Das Akkordeon ist einerseits ein Blasinstrument, andererseits weckt es Assoziationen zu Orgel und Klavier. In Hagirot stehen die mikrotonalen und resonanten Eigenschaften des Instruments im Mittelpunkt.

Im Kompositionsstudium und in der Instrumentationslehre während der Ausbildung kommen wahrscheinlich vor allem die Instrumente des klassisch-romantischen Orchesters vor. Welche Herausforderungen und welche Chancen bietet Ihnen das Komponieren für das Instrument Akkordeon?

Ich wollte herausfinden, wie ein grundlegendes Element des Akkordeons – die Stimmung – mithilfe von Elektronik verstanden und transformiert werden kann. Auf diese Weise dient die Elektronik dazu, den traditionellen Klang des Akkordeons in den Raum zu übertragen und es in ein „Superinstrument” zu verwandeln. Gleichzeitig versuchte ich, die Registerwechsel als strukturelles Element in die Komposition zu integrieren.

Was schätzen Sie am Klang und an der Technik des Akkordeons als Komponist?

Die Möglichkeiten der Register und der Stimmung standen im Mittelpunkt der Komposition. Durch den Registerwechsel lassen sich Klangfarbenschwankungen erzeugen, die ein Verschmelzen der Register zu ermöglichen. Durch den Druck auf die Tasten kann die Stimmung des Instruments verändert werden.

Von welcher künstlerischen Idee sind Sie bei der Arbeit am Stück ausgegangen?

Die Komposition basiert auf folgendem Text aus Daniel 12,1: „Zu jener Zeit ersteht Michael, der große Fürst, der den Söhnen deines Volkes beisteht. Das wird eine Zeit der Drangsal, wie sie nicht gewesen ist, seit ein Stamm ist, bis zu jener Zeit. Aber zu jener Zeit wird dein Volk entrinnen, alljeder, der sich aufgeschrieben findet im Buch.“ Die Komposition ist so aufgebaut, dass die Aspekte von Frequenz und Zeit im Verlauf des Stücks immer enger gefasst werden. Metrum, Tonhöhen und Dauern werden durch die Gematrie (hebräische Zahlensymbolik) des Textes bestimmt, wobei die Zahlenwerte der Wörter als wichtiges Strukturierungsmittel dienen.

Wie verlief die Zusammenarbeit mit Margit Kern?

Margit Kern und ich experimentierten lange mit Mikrotonalität und Registerwechseln und schufen dabei stundenlange Aufnahmen. Diese Erforschungen wurden anschließend im SWR Experimentalstudio in Freiburg fortgesetzt.  Dann konnte ich eine harmonische Grundlage für das Stück schaffen und Elemente der Gesangmelodie, die für den Text aus dem Buch Daniel verwendet wird, in die Komposition integrieren.

Beim Konzert mit Margit Kern bei Ultraschall Berlin 2026 wirkt auch das SWR Experimentalstudio aus Freiburg und von dort Thomas Hummel als Klangregisseur mit. Welche live-elektronischen Aspekte gibt es in Ihrem Stück? Wie setzen Sie die Technik der Convolution („Faltung“) ein?

Gemeinsam mit Thomas Hummel im SWR Experimentalstudio konnten wir die verschiedenen Parameter des Akkordeons – Stimmung, Schwebung, Register und Klangfarbe – in den Raum zu übertragen. Hier reagieren die Parameter aufeinander und verändern so die Funktion des Instruments im Raum. Gleichzeitig werden die vom Akkordeon erzeugten Klangfarben durch Ringmodulation und harmonische Transformation in einen von Convolution-informierten Klangraum erweitert.

Wie würden Sie Ihr Stück kurz charakterisieren?

Das Stück stellt die Umwandlung von Gedanken in Klänge dar und offenbart dadurch die unbewussten Elemente innerhalb der musikalischen Parameter.

Was sind die spiel- und aufführungstechnischen Herausforderungen des Stücks?

Das Stück verwendet eine sehr subtile Mikrotonalität (durch ein minimales Anheben der Akkordeontasten), subtile Registerwechsel und komplexe rhythmische und Tempo-Beziehungen (abgeleitet durch die hebräische Gematrie).

(Interview: Ecki Ramón Weber)