(2007) 20‘ – Konzert für zwei Klaviere und Orchester
Deutsche Erstaufführung
Uraufführung: 13. Oktober 2007, Venedig, 51° Festival Internazionale di Musica Contemporanea della Biennale di Venezia
Emanuele Arciuli (Klavier), Francesco Libetta (Klavier), Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI, Pierre-André Valade (Leitung)
Ausgezeichnet mit dem Goldenen Löwen für zeitgenössische Musik der Musikbiennale Venedig 2007
“Emilio ist hier”
Ich lernte Emilio Vedova kennen, als er gerade aus Berlin zurückkam, wo er 1964 seinen Zyklus Absurdes Berliner Tagebuch ‘64 fertiggestellt hatte. Er war ein enger Freund meines Vaters, der selbst Maler der Abstrakten war. Wir hörten gerne Emilio Vedovas Geschichten zu, die immer episch klangen. Emilio war ein großgewachsener Mann, mit einem langen Bart, er sprach mit einer lauten, messianischen Stimme. In meiner jugendlichen Fantasie war ich sehr beindruckt, wenn er seinen Arbeitsort in Berlin (das heutige Kunsthaus Dahlem) beschrieb, mit einem Studio, das so groß war, dass er mit Rollschuhen darin herumfahren konnte!
Wir blieben in Kontakt: Manchmal traf ich ihn während meiner Spaziergänge durch Venedig mit Luigi Nono, besonders, als sie gemeinsam an möglichen Bühnenlösungen für Prometeo arbeiteten. Oder wenn Emilio zu meinen Konzerten kam. Oder wenn er ein neues Werk von mir im Radio gehört hatte und am Tag darauf anrief oder mir einen Brief schrieb, um zu schildern, was für eine Hörerfahrung diese Musik für ihn bedeutete.
Es war ein schwerer Schlag, als Emilio am 25. Oktober 2006 starb. Als ich einige Monate später von der Biennale den Auftrag erhielt, ein neues Werk für großes Orchester zu schreiben, war mein erster Gedanke, im Titel an ihn zu erinnern. Aber meine Absicht war es nicht, seine Malerei in meiner Musik nachzuahmen. Eine mögliche Ähnlichkeit besteht eher aufgrund der natürlichen Affinität unserer künstlerischen Sprachen. Beide sind begründet in Energie, in meinem Fall in der kontinuierlichen Transformation von Energie, die zu Beginn eines Stücks in Gang gesetzt wird. Energie in allen möglichen Ausprägungen, selbst extremen, in intensiv strahlenden Stadien, als glühende „Lava“, aber auch im Gegensatz dazu, nahezu schwebend und in einem eher mysteriösen Stadium: die flüssige, gleitende Form, ungreifbar und irisierend in ihrer eigenen Art.
In meiner musikalischen Sprache sind die Häufigkeit, die Art und die Geschwindigkeit von Veränderungen zentrale Faktoren, weil sie die Klangperspektive jeweils verschieben. Klänge haben ein Gewicht, eine Form, eine Präsenz, eine Konsistenz und andere Aspekte, die das Konzertpodium von einem konkaven zu einem konvexen akustischen Feld und umgekehrt transformieren.
Darüber hinaus ergibt sich als Konsequenz noch etwas anderes, aufgrund einer gewissen Art „Trägheit“, wie wir, finde ich, mental Klänge verarbeiten. Ich glaube, eine virtuelle Form von Polyphonie wird ständig der realen, die uns umgibt, hinzugefügt (vergleichbar mit der Trägheit unseres Auges beim Ansehen von Filmbildern, nur dadurch konnte sich das Kino als neue Kunstform etablieren). Diese Techniken habe ich auf die schnellen Dialoge der beiden Soloklaviere angewendet, teilweise konzipiert als eine aktualisierte Form der venezianischen cori battenti (Mehrchörigkeit) oder durch wechselnde Klangquellen, auch in dem Sinne, dass die zwei Klaviere teils auf den Tasten und teils an den Saiten im Korpus gespielt werden, wie ein Bildhauer vorgehen würde.
Venedig war immer ein Ort der Experimente und cori battenti oder cori spezzati („geteilte Chöre“) könnte man als die Technik der Renaissance bezeichnen, um etwas zu erreichen, das wir heute Stereophonie oder Raumklang nennen.
Das Leben überrascht mich immer wieder, 2007 wurde mein Werk Plurimo (per Emilio Vedova) genau ein Jahr nach dem Tod des Malers uraufgeführt. 2026 bringen das exzellente GrauSchumacher Piano Duo und das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin, dirigiert von Marc Albrecht, die deutsche Erstaufführung, wenn zeitgleich in der Stadt eine Ausstellung mit einigen von Emilio Vedovas Plurimi läuft.
Emilio ist hier.
Claudio Ambrosini, 2026
(Übersetzung: Ecki Ramón Weber)
„Ende 1950 durchlaufe ich eine Krise, ich lehne mich gegen die gesamte Geometrie auf, gegen die dominante Strenge meiner Bilder, und versuche meiner Arbeit eine Schwingung größerer Spontaneität zu vermitteln.“
Emilio Vedova, zit. in: Dorothea Schöne, Eine komplexe Bestandsaufnahme. Emilio Vedovas Zeit in Berlin 1963–1965, in: dies. (Hg.), Emilio Vedova. Mehr als Bewegung um ihrer selbst willen, Kunsthaus Dahlem (Berlin) 2025, S. 15f.
Aus der Strenge dieser präzise gesetzten Bildkompositionen versucht sich Vedova alsbald wieder zu lösen, um die gewünschte Spontaneität zu erreichen.
Diese Absicht vermochte der venezianische Künstler insbesondere in den Plurimi umzusetzen, wobei eine Zusammenarbeit mit Luigi Nono im Frühjahr 1961 einen wichtigen Meilenstein zur Beschreitung dieses neuen Bildverständnisses markierte. Nur wenige Jahre vor seiner Ankunft in Berlin hatte Vedova bei der Arbeit an der Bühnenausstattung für die Oper Intolleranza 1960 des befreundeten Komponisten Nono die neuen Möglichkeiten einer räumlich gedachten Malerei ausloten können und wandte diese nun in einer Fortführung in den Plurimi in Berlin an. Über Scharniere wurde das Tafelbild beweglich, aufklappbar und veränderbar.
Dorothea Schöne, Eine komplexe Bestandsaufnahme. Emilio Vedovas Zeit in Berlin 1963–1965, in: dies. (Hg.), Emilio Vedova. Mehr als Bewegung um ihrer selbst willen, Kunsthaus Dahlem (Berlin) 2025, S. 16
Diese Berliner Plurimi sind aus einem komplexen Empfinden entstanden, aus einem kritischen – versteht sich. Mein Werk ist alles andere als eine Spielerei, Bewegung um ihrer selbst willen, ganz im Gegenteil: das Plurimo an sich ist, abgesehen von einer „Theorie“ der Bewegung, die Möglichkeit der Mobilität auf den verschiedenen gestischen Ebenen, im Alltäglichen, unter uns, Malerei, die „sich macht“, in ihrer Bewegung als Gegenwart, wie in einer plötzlichen Geste, Erklärung. Die Berliner Plurimi zeigen die Gleichzeitigkeit des Gegenwärtigen, geschehene Ereignisse, die sich immer wieder ereignen und die jeden aufrütteln müssen, der in diese Insel-Stadt Berlin kommt. Sie ist randvoll mit mancherlei Ängsten, gestern, heute, mit latenten Vergeßlichkeiten, voller Mehrdeutigkeit, angefüllt mit anachronistischen Melancholien, überhitzten Antagonismen, ein ständiger Zusammenprall gegensätzlicher Situationen.“
Emilio Vedova, zit. in: Dorothea Schöne, Eine komplexe Bestandsaufnahme. Emilio Vedovas Zeit in Berlin 1963–1965, in: dies. (Hg.), Emilio Vedova. Mehr als Bewegung um ihrer selbst willen, Kunsthaus Dahlem (Berlin) 2025, S. 16