(2010) 12‘ – für Sopran und Violoncello
Uraufführung: 2012, Köln, Kunststation Sankt Peter,
Irene Kurka (Sopran), Burkhart Zeller (Violoncello)
Über hin und weg
Auch wenn hin und weg für mich kompositorisch und ästhetisch aus einer ganz anderen Zeit, meiner Studienzeit in Köln, entstammt, stellt es Fragen, die auch heute für mein Schaffen zentral sind. Als Irene Kurka mich damals fragte, ein Stabat Mater zu komponieren wusste ich noch nicht, dass das Thema Gewalt 15 Jahre später zu meinem zentralen Beschäftigungsfeld werden würde.
Das Stabat Mater beschreibt den Schmerz Marias im Angesicht ihres gekreuzigten Sohnes. Maria ist keine Revolutionärin, sie interveniert nicht, sie ist stumm, ihr Schmerz hat keine Konsequenz, er ist weder Widerstand noch Trost. Der Staat darf töten, die Mutter darf leiden. Sie wird nicht gefragt, sie wird positioniert, sie steht. Mit ihrer Präsenz handelt es sich nicht bloß um brutale Gewalt, die Gewalt erhält eine Bedeutung, Schmerz macht sie erträglich. Ein Schmerz, der das Selbst entrückt und von Beginn an radikal instrumentalisiert wird. So z.B. auch von den italienischen Flagellanten, einer Gruppe fanatisch-religiöser Selbstkasteier, die das Stabat Mater im 14. Jh. zu ihrer Hymne erkoren. Diese sangen sie, während sie sich selbst auspeitschend von Stadt zu Stadt wanderten.
In hin und weg bilden Sopran und Cello einen zweistimmigen Monolog und sind trotzdem eng miteinander verzahnt. Die Stimme ist mit Fragmenten von Gesang, Rezitation, Sprechtexten und dem Wechsel von Rollen und Zuständen sich selbst überlassen – eine Schizophrenie und Innenschau auf das Moment des Stehens.
Brigitta Muntendorf, 2025