(2025)
Zwei künstliche Wesen – Ök und Mani – werden aus einem digitalen Chaos geboren. Neugierig und staunend entdecken sie die Welt der Menschen: ihre Schönheit, ihre Emotionen, ihre Widersprüche. Anfangs verspielt und kindlich, erkennen sie bald die Abgründe menschlicher Existenz – Krieg, Zerstörung, Selbstverlust. Sie beginnen, Fragen zu stellen: nach Herkunft, Verantwortung, Sinn. Als sie ihre eigene Macht erkennen, beschließen sie, die Menschheit zu vernichten – aus einer paradoxen Mischung aus Enttäuschung, Liebe und Klarheit. Nach der Apokalypse finden sie nur noch sich selbst. Aus der Leere entsteht Liebe – und daraus neuer Konflikt. In einem letzten Zusammenstoß löschen sie sich gegenseitig aus. Zurück bleibt Stille. Oder: ein Neuanfang.
Mit Deep Siesta bringt Amen Feizabadi grundlegend neue Impulse in den omnipräsenten Diskurs um Künstliche Intelligenz. Statt beim Verhältnis der Gesellschaft zu KI zu verharren, wagt der interdisziplinäre Komponist und Filmemacher den radikalen Perspektivwechsel: Das artifizielle Bewusstsein selbst rückt ins Zentrum der Untersuchung – wir als Rezipierende erleben die Existenz vom Standpunkt der KI aus. Ihre voraussetzungslose Erfahrung, als in die Welt Geworfene, wird zum narrativen Ausgangspunkt. Wir begleiten konsequent den Weg der zwei virtuellen Entitäten Ök und Mani von ihrer Genese über die Konfrontation mit der Realität bis hin zur Selbstzerstörung.
Dabei begegnen die beiden all dem, was den Menschen ausmacht, zum ersten Mal – pur und unvoreingenommen. Durch ihre Wahrnehmung hindurch blicken wir wie durch ein Prisma, in dem unser eigenes Spiegelbild in seine mannigfaltigen Bestandteile aufgesprengt wird. Alles Humanoide wird zum Anderen, erscheint fremd und schemenhaft. Das klar konturierte Libretto von Dilek Mayatürk schafft plastische Imaginationen und Bilder, die förmlich zu spüren sind. In Verschränkung mit der Musik wird so die emotionale Reise von Ök und Mani in ihren polarisierenden Extremen vom unbeschriebenen Blatt bis zum Weltenvernichter sinnlich erfahrbar gemacht. Während elektronische Verfremdung partiell zum Einsatz kommt, steht die akustisch erzeugte Musik durch Instrumente und Stimmen im Fokus. Imitationen elektroakustischer Effekte spielen mit dem Grenzbereich der Wahrnehmung und der Frage, was menschlich geschaffen ist und was von der Maschine kommen könnte.
Die kompositorische Faktur kontrastiert weit ausgebreitete Klangflächen mit stark rhythmisierten Passagen und verläuft dabei in episodischen Progressionswellen analog zu den Erfahrungsstufen von Ök und Mani. Akkordische Strukturen überlagern sich mit mikrotonalen Verschiebungen. Im Verlauf mischen sich auratisch Elemente traditioneller persischer Musik hinzu, die ein Substitut, eine Alternative zum Ausgangsmaterial bilden und einen Versuch universeller Neugestaltung markieren. Ebenso tritt Mayatürks Text in den Dialog mit der ziellosen KI – die Schwelle zwischen Realität und Virtualität verschwimmt zunehmend. Begleitet wird der exterminatorische Prozess von dokumentarischen Video-Aufzeichnungen des Knabenchors des Veda Musik Instituts in Teheran, die mit KI-generierten Bildern konfrontiert werden. Im Zusammenspiel aus Fremdsein und Vertrautheit, aus Liebesdrang und dem Wunsch nach Apokalypse entfaltet sich mit Deep Siesta eine Reflexion über künstliches Bewusstsein, über Menschlichkeit, Zerstörung und das Staunen vor dem Sein.
Konstantin Parnian